Alter Zombie Hoffnung
So., 28.02.2010, 13:30: FC St. Pauli – Arminia Bielefeld 0:1 (0:1)
So., 07.03.2010, 13:30: TSV 1860 München – FC St. Pauli 2:1 (1:0)
So., 07.03.2010, 13:30: FC St. Pauli – Rot-Weiß Oberhausen 5:3 (2:2)
Fr., 19.03.2010, 18:30: Energie Cottbus – FC St. Pauli 0:1 (0:0)

Ist ja ne Pracht, der neue Rasen. Immer noch. Satt wie mein Sittich nach dem zweiten Steak und grün wie die Hoffnung. Wobei das ja so ne Sache ist, wenn man 22 ungeschlachte Fußballerbeine mal eben auf der frisch ausgerollten Hoffnung rumtrampeln lässt.
„Symbolisches Foul“, raunen die Tragöden. Sind bei den alten Griechen ja schon Königreiche untergegangen aus viel geringeren Anlässen. Wenn man da nicht ganz schnell ne Ziege oder so opfert, um die Götter wieder gnädig zu stimmen, ist das Schicksal im Eimer.
Und so kommt das dann auch. 24. Spieltag, Duell gegen die Stadt, die es nicht gibt, und unsere Jungs tun sich schwer. Lange Bälle hin, Konter her, mir wird mulmig, und als ich mich so beiläufig erkundige, ob nicht doch jemand ne Ziege dabei hat oder wenigstens ’n Schaf, steht das schon 1:0. Für die falschen natürlich.
Und dabei bleibt das dann auch. Da hilft keine flambierte Halbzeitwurst (als Ersatz-Opfer, is’ ja auch Fleisch, hab ich gedacht) und auch keine zweite Hälfte, die engagierter ist als die erste. Und als wollte er allen noch mal zeigen, dass die Götter’n Hühnchen zu rupfen haben mit Braun-Weiß, schickt der Schiri gegen Ende auch noch Lechner mit Gelb-Rot vom Platz.
Ich natürlich völlig geschockt. Und wie sich zeigt: nicht nur ich, sondern auch die Mannschaft. Obwohl: War das überhaupt Schockstarre, da in München? Oder einfach „die Götter schlagen zurück, Teil 2“? Rache ist die wahre Götterspeise, sag ich, die sind nachtragend da im Olymp oder im Himmel oder was immer man sich vorstellen mag. Jedenfalls gibt’s da ja noch so ne Methode im Götterfolterprogramm, neben Verderben, Tod, Missernten und flachen Ecken: Zur Salzsäule erstarren lassen.
Kennt der eine oder andere vielleicht noch aus dem Kindergottesdienst. Gott sagt dies, Mensch macht das, und bumm. Wobei, wie so ne Salzsäule aussieht, hab ich mir ja nie so richtig vorstellen können. Bis zu jenem Tag in der „Allianz Arena“. Schön weit oben gestanden und Vogelflugperspektive auf elfmal Fußballer in Salzkruste. Geschmeidig wie Salzletten beim Samba und beweglich wie Brezeln aus Blei. Da waren selbst zehn Löwen zwei zuviel. Und damit das Ganze den richtigen verdammnismäßigen Wumms bekommt, darf Ebbers zwischendurch den Ausgleich schießen, und sechs Minuten später kriegen wir das 1:2. Plunder gibt es immer wieder.
Natürlich ist so viel Unglück so weit südlich Gift fürs Immunsystem. Ich also erstmal platt. Fieber, Rotz, Wasser, das volle Programm. Darum nix Stadion, sondern Erkältungsbad und Internet-Radio gegen Oberhausen. Tödliche Mischung, sag ich Euch. 1:0 in der 5. Minute – Gerd glaubt, übers Wasser laufen zu können. Klappt nicht, Ausrutschen, Steiß. 1:1 in der 18. Gellender Verzweiflungsschrei in Badezimmerakustik. Quietscheentchen traumatisiert, Nachbarn rufen die Kripo. 2:1 in der 24. Gesamter Wanneninhalt jetzt auf Badezimmerboden. Freudentanz schön und gut, aber kalt. 2:2 in der 31. Versuch der Selbstertränkung. Vereitelt durch die mittlerweile eingetroffenen Kriminalbeamten, die leicht verdattert wieder abziehen. Und so weiter.
Ja, das war Oldschool, das war ganz großes Drama, und – das war ein Happy End! Die 85. Minute – Boll mit der Entscheidung! Völlig verschrumpelt freu ich mich halbtot. Aber das war’s wert. Selbst die Hoffnung war wieder da. Obwohl die ja immer zuerst stirbt. Merkt nur keiner, weil: Die ersteht immer wieder auf und macht weiter.
Und jetzt, nochmal tausend Tode und eine denkwürdige Auswärtsschlacht gegen Cottbus weiter, mit zermürbten Nerven und vollem Herzen und wiederhergestelltem Glauben an die Fußballgötter (und Charles Takyi), schau ich furchtlos auf den immer noch verdammt grünen Rasen am Millerntor und denk nur: Hoffnung, oller Zombie – heute bleibst du mal am Leben.
« Voriger Artikel: Zurück aufm Teppich
» Nächster Artikel: Teilchenbeschleuniger
Veröffentlicht in FC St. Pauli

